Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Treyster Michail

Treyster Michail

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Witebsk
Beruf 
Ingenieur
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung durch Flucht zu den Partisanen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Michail Treyster wurde im April 1927 in einer jüdischen Familie in Witebsk geboren. Er war noch kein Jahr alt, als seine Familie nach Minsk umzog. Sein Vater Abram Samojlowitsch Treyster arbeitete in einer Maschinenbaufabrik. Er war dort als Hauptbuchhalter tätig. Die Mutter Rachel Chonowna Paternak war Hausfrau. Das Ehepaar hatte vier Kinder: drei Söhne und eine Tochter. Michail war der jüngste unter ihnen. Die Geschwister besuchten eine Mittelschule, in der alle Fächer in weißrussischer Sprache unterrichtet wurden. Im Familienkreis wurde dagegen Russisch gesprochen. Kirchliche Feiertage sowie Ritus und Bräuche wurden in der Familie nicht befolgt. Der Vater starb 1938 im Alter von 48 Jahren. Vor dem Kriegsbeginn beendete der älteste Bruder Ilja sein Studium an der Polytechnischen Hochschule, der mittlere Bruder Solomon diente in der Roten Armee, die Schwester beendete die neunte und Michail sechste Klasse. An seine Kindheit erinnert sich Michail Treyster mit besonderer innerer Wärme: »Es ist ein warmer Juliabend. Müde und hungrig gehe ich nach Hause. Von weitem erkenne ich die Fenster unseres Hauses, in denen sich die Strahlen der untergehenden Sonne widerspiegeln und mit dem weichen Licht der über dem Esstisch hängenden Schirmlampe wetteifern. Diese Strahlen spielen mit ihren bläulichen Blicken und reflektieren auf den sauber geputzten Glasscheiben. Die Wärme eines bescheidenen und doch gemütlichen und treuen Hauses wartet hier auf mich. Für morgen Sonntag ist ein Angelausflug zu den nahelegenden Seen in der Ortschaft Drosdy geplant. Ich muß noch mein Angelgerät in Ordnung bringen und mich um den nötigen Köder kümmern. Morgen stehen mir viel Freude und Vergnügung und in Zukunft ein ganzes Leben bevor.« (Michail Treyster: Schimmer vom Gedächtnis, Minsk 2007, S. 63.)

Der Kriegsbeginn

Nach dem Kriegsausbruch wurden Ilja zum Armeedienst einberufen und Solomon ins Hinterland geschickt. Michail blieb mit der Mutter und der Schwester im besetzten Minsk. Schon am dritten Kriegstag wurde das von der Familie Treyster bewohnte Haus durch Bombenagriffe, der deutschen Wehrmacht, zerstört. Michail erinnert sich:  »Die Bomben fallen immer näher. Das Haus wackelt. Wegen der vorletzten Bombe flogen alle Fenster raus: die Aufkleber hatten nicht geholfen. Die letzte Bombe habe ich nicht gehört. Wie viele Minuten oder Stunden ich gelegen habe, weiß ich nicht. Als ich wieder zur Besinnung kam, blieb mir die Luft wegen des Ofenstaubes weg. Alle Körperglieder rissen und taten weh, aber meine Hände, Füße und – das Wichtigste – mein Kopf waren bei mir. Irgendwie gelang es mir, mich aus den Ofentrümmern herauszufinden. Aber mein Gott! Über mir ist weder eine Decke noch ein Dachboden – nur der blaue Junihimmel und Totenstille (das Gehör kam erst am Abend zurück). Aus den Trümmern ragten drei Paar Füße heraus. Ich begann sie auszugraben. Danach kamen alle zu sich, halfen sich selbst. Mit Hautabschürfungen und blauen Flecken, aber wir waren am Leben. Ein seltsames Gefühl der Obdachlosigkeit. So, am 24. Juni, hat für mich der richtige Krieg angefangen.«  (Ebenda, S. 15-16.) Die Familie Treyster versuchte vergebens die Stadt zu verlassen und in östlicher Richtung zu fliehen, bald wurden sie gezwungen nach Minsk zurückzukehren. Da ihr Haus zerstört war, wohnten sie etwa einen Monat lang bei fremden Leuten. Nachdem der Befehl verkündet worden war, dass alle Juden in das für sie ausgewiesene Stadtviertel aussiedelt werden sollten, geriet die Familie ins Ghetto.

Das Leben im Minsker Ghetto

Im Ghetto wurden die Treyster zusammen mit Dutzenden anderer jüdischer Familien im Saal des ehemaligen Lichtspielhauses untergebracht. Um überleben zu können, gab sich Michail als Schuster aus, weswegen er in die Schuhfabrik kam, wo er allmählich die Grundlagen dieses Handwerks lernte. Für eine Tagesarbeit erhielt Michail etwa 120 Gramm Brot und eine Schüssel mit dünner Suppe, die unter Ghettoinsassen als „Balanda“ bezeichnet. Michails Mutter und Schwester arbeiteten in der Näherei der gleichen Fabrik. Das Ghettoleben schildert Michail wie folgt: »Im Ghetto richtet sich alles danach aus, den Menschen nicht nur den Selbsterhaltungswillen, sondern auch das menschliche Aussehen zu entziehen. Hunger, Kälte, Lumpen, Erkennungszeichen – Judenzeichen und Schilder mit den Hausnummern auf dem Rücken und der Brust. Für Delikatesse hält man die Lacke aus Heringsfässern. Man isst Pfannkuchen aus den durch den Fleischwolf gedrehten Kartoffelschalen. Man isst Fett, das von den alten Häuten in der Gerberei abgeschabt wurde. Man isst Balanda, die, wenn es gelang, von der Arbeit mitgebracht wurde. Man darf nur über das Pflaster gehen. Wenn man einen Deutschen erblickte, etwa 15 Meter entfernt, musste man die Mütze absetzen.«  (Ebenda, S. 20.) Laut Michails Erinnerungen hat die Arbeit einen nicht nur vor dem Verhungern gerettet, sondern ermöglichte es, auch den zahlreichen Pogromen auszuweichen: »Gerade an solchen Tagen ließ man die in der Fabrik eingesetzten Juden zur Übernachtung nicht ins Getto marschieren, sie schliefen an ihren Arbeitsplätzen unter den Werkbänken und im Haufen Soldatenmäntel.« (Ebenda, S. 19) Ab und zu konnten auch gute Bekannte Hilfe leisten. So versteckten sich die Treyster während des Pogroms am 7. November 1941 bei ihrem ehemaligen Hausmädchen im sogenannten russischen Viertel. Michail Treyster nahm aktiv teil an der Widerstandsbewegung im Ghetto. Er übernahm verschiedene Aufträge der illegalen Organisationen, die Verbindungen zu Partisanen angeknüpft hatte. Im Juli 1943 begannen Deutsche mit der Vernichtung von Arbeitskommandos. Michail gelang es nicht rechtzeitig zu fliehen, und er wurde ins SS-Lager auf der Schirokaja-Strasse verwiesen. Kurz darauf konnte er jedoch unter einem fremden Namen zusammen mit ausgewählten Fachleuten ins Ghetto zurückkommen. http://myreklama.com/myreklama/index.php?option=com_content&view=article&id=1733:2011-08-05-16-27-08&catid=66:-lr-&Itemid=2 Nach nur einer Woche floh Michail Treyster aus dem Ghetto zu den Partisanen. Seine Verwandten blieben im Ghetto zurück. Michail forderte die Partisanenleiter immer wieder auf, ihn ins Ghetto mit einem Auftrag zu schicken. Im September 1943 erhielt er endlich den Partisanenauftrag und begab sich ins Minsker Ghetto. Er sollte von dort Fachleute zu den Partisanen bringen, Pharmazeuten, Seifensieder und Waffenmeister. Bei der Vorbreitung der Flucht kam es zu unerwarteten Schwierigkeiten, denn recht viele Insassen erfuhren zufällig von der geplanten Flucht und wollten unbedingt dabei sein. Michail Treyster befürchtete, dass ein Fluchtversuch mit so vielen Menschen scheitern würde, doch er konnte sie nicht abweisen. Trotz alledem gelang es ihm, die Flüchtlinge wohlbehalten über den Stacheldrahtzaun zu bringen. Aber kurz darauf wurden sie von einer deutschen Streife entdeckt, unter Beschuss genommen und viele Flüchtende getötet. Bis zur Befreiung Weißrusslands kämpfte Michail Treyster in der Sorin-Truppe der Partisanen, die sich im Waldgebiet Naliboki aufhielt. Seine Erlebnisse als Partisan beschreibt er wie folgt: «Um das Gerede zu vermeiden, bekenne ich ehrlich: Ich habe doch keine Heldentat vollbracht, obwohl ich in der Einheit einiges gelernt habe. Zum Beispiel, Bäume fällen, Laub- und Erdhütten bauen, reiten [...]. Außerdem, während meines Aufenthalts in der Einheit: [...] ich fand richtige Freunde [...] verstand, dass das Menschenleben wertvoll ist, aber es gibt etwas Wichtigeres.» (Ebenda, S. 50.)

Das Nachkriegsleben

1948 beendete Michail Treyster die Minsker polytechnische Fachschule und 1954 als Abendstudent - die Polytechnische Hochschule. Danach arbeitete er 45 Jahre im Energiebereich. Zu seinen Vorlieben und Leidenschaften in den Nachkriegsjahren gehörten Wanderungen, durch die er fast die ganze Sowjetunion kennenlernte.

Öffentliches Engagement

1991 gründete Michail Treyster zusammen mit anderen ehemaligen Gettoinsassen die «Belarussische jüdische Vereinigung der ehemaligen Häftlinge der nationalsozialistischen Ghettos und Konzentrationslager», und 1998 wurde er zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Seine Bücher «Schimmer vom Gedächtnis» und «Matrejki» sowie viele Artikel und weitere Werke wurden und werden immer noch in Zeitschriften und Zeitungen in Weißrussland, Israel und Russland veröffentlicht. http://www.maximilian-kolbe-werk.de/85988.htm

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk