Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Dobin Semjon

Dobin Semjon

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Ingenieur
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung in einem Versteck
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Semjon Dobin ist 1931 in Minsk in einer großen jüdischen Familie geboren. Er wohnte zusammen mit seinen Eltern (Vater Pinchas und Mutter Fanja) und drei Brüdern (Grigorij, Jakov und Boris) in der Starovilenskaja-Straße. Der Vater von Semjon war als Ofensetzer ziemlich bekannt in der Stadt, weil er viele Famielien aufsuchte. Die Mutter Fanja war Hausfrau.

Der Kriegsbeginn

Wie auch viele andere jüdische Familien konnten sich die Dobins nicht rechtzeitig evakuieren.

Das Leben im Minsker Ghetto

Das Minsker Ghetto prägte sich in sein Gedächtnis mit zahlreichen Razzien und Pogromen ein. Während einer Strafaktionen kam der Bruder Jakov ums Leben. Ein tragisches Ende der anderen Familienmitglieder ahnend, begann Pinchas Dobin ein Versteck, genannt »malina«, für sie vorzubereiten. Semjon Dobin erinnert sich: »In der Suchaja-Straße fand er (der Vater) in einem halbzerstörten Haus einen Keller, in dem er Pritschen aufbaute und einen heimlichen Eingang  anlegte. Die Luft kam durch den Rauchfang, der noch in der Hauswand erhalten blieb. An das kaum merkliche Licht, das durch den Rauchfang schimmerte, konnten wir den Wechsel der Tageszeiten sehen. Wir bemühten uns tagsüber zu schlafen und nachts zu wachen, damit draußen kein Lärm zu hören war.« (Das Leben geht weiter. Erinnerungen der Holocaust-Überlebenden, Arkadij Kleban, Chicago 2013, S. 44-48). In dem Versteck ernährten sie sich mit im Voraus besorgtem Zwieback, Brot und Wasser. Das reichte aber nicht für lange Zeit, denn es lebten in dem Versteck, statt der 13 geplanten Personen, 26 Menschen. Um etwas Essbares aufzutreiben verließen Tante Rachil, der Vater Pinchas und sein Bruder Boris das Versteck.

Semjon Dobkin bekam hautnah das Sterben der Menschen in dem Versteck mit. So blieben von 26 Flüchtlingen nur noch 13 am Leben. Zu bemerken ist die Tatsache, dass alle an Hunger und Krankheiten Verstorbenen direkt in dem Verlies begraben wurden. Bei einem solchen Begräbnis stieß der Vater von Semjon auf eine Wasserquelle, die den anderen Einwohner des Unterstandes durststillend war. Zugleich wurden sie jeden Tag wegen Nahrungsmittelmangel merklich schwächer. Semjon erinnerte sich, dass »in den letzten zwei Monaten die Mehrheit nicht einmal von den Pritschen aufstehen konnte, nur um Notdurft zu verrichten.« (Ebd.) Über die Vernichtung vom Minsker Ghetto im Oktober 1943 wusste keiner der Einwohner vom Versteck. Sie verließen es erst nach der Befreiung der Stadt durch die Sowjetarmee. Viele konnten nicht von alleine das Versteck verlassen. Abgemagerte Leute wurden für die weitere Behandlung nach Orša gebracht.

Das Nachkriegsleben

Nach dem Krieg absolvierte Semjon Dobin technische Fachschule im Bereich Energieversorgung. Danach war er drei Jahre im Militärdienst als Panzerfahrer. Nach der Demobilisierung arbeitete er in der Feinwollspinnerei in Minsk und studierte zugleich als Abendstudent an der Belarussischen Polytechnischen Hochschule. 1958 heiratete er Asja Isaakovna Ginsburg, die als Absolventin der Belarussischen Staatlichen Universität zuerst Mathematik in der Schule unterrichtete, und seit 1961 Hochschullehrerin am Institut für Genetik der Akademie der Wissenschaften war. 1973 promovierte sie im Fach Genetik.

1951 starb Pinja Dobin, und 1967 seine Frau Fanja.

Im März 1990 emigrierte die Familie von Semjon Dobin die aus zwei Söhnen, Schwägerinnen und Enkelkindern bestand in die USA, Omaha, Bundesstaat Nebraska. Später ziehten sie um nach Chicago. 1991 kam zu ihnen auch der Bruder Boris mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen.

Die wunderbare Geschichte der Rettung der 13 Häftlinge des Ghettos von Minsk wurde zuerst 1981 von Aisik Platner auf Jiddisch in der Sowjetzeitschrift »Sowetisch Geimland« publiziert. 1986 erschien sie auf Russisch in der belarussischen Zeitung »Neman«.

Zusammengestellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk nach dem Artikel von Iosif Kazman »Geschichte einer Familie« in dem Sammelband »Erinnerungen von Holocaustopfern«, Chicago 2013