Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

Erinnern, lernen, forschen am historischen Ort

Sie sind hier

Marx Kurt

Marx Kurt

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Köln
Beruf 
Handwerker
Unterbringung/Inhaftierung 
-
Schicksal 
Überlebt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Kurt Marx wurde 1925 in Köln geboren, wo er bis zum 13. Lebensjahr zur Schule ging. Er besuchte zunächst eine evangelische Schule, musste diese jedoch 1933 im Alter von 8 Jahren verlassen, da er Jude war. Er selber verstand zu der Zeit nach eigenen Angaben noch nicht, warum er die Schule wechseln musste, aber es machte ihm nichts aus. Von da an ging er auf die jüdische Volksschule Lützowstraße. (Ausstellungen im NS-Dokumentationszentrum. URL: https://museenkoeln.de/ns-dokumentationszentrum/default.aspx?s=289#b31653, abgerufen im Oktober 2017. Auch Kindertransporte aus NRW. Ein Zeitzeugenprojekt. Kurt Marx. URL: http://www.kindertransporte-nrw.eu/marx/marx_koeln_1.html, abgerufen im Oktober 2017.) Nach der Grundschule wechselte er auf die Jawne-Schule in Köln, ein „Privates jüdisches Reform-Realgymnasium mit Realschule für Knaben und Mädchen“. (Lern- und Gedenkort Jawne. Die Jawne – lernen am historischen Ort. URL: http://www.jawne.de/content/index_ger.html, abgerufen im Oktober 2017.)

Der Direktor der Schule war Dr. Erich Klibansky. Dieser erkannte die Gefahr für Juden in Deutschland frühzeitig und bereitete seine Schüler schon ab 1933 auf ein Leben im Ausland vor. Ab dem Schuljahr 1937/38 gab es „Englische Oberklassen“, in denen die Schülerinnen auf das „Cambridge School Certificate“ vorbereitet wurden. (Kindertransporte aus NRW. Ein Zeitzeugenprojekt. Die Geschichte der Kindetransporte: Die Jawne-Kindertransporte. URL: http://www.kindertransporte-nrw.eu/kindertransporte_jawne.html, abgerufen im Oktober 2017) Bei den Novemberpogromen 1938 wurde auch die Jawne-Schule von Kurt Marx in Brand gesetzt. Direktor Klibansky bat die Eltern der Schüler deswegen um Erlaubnis, die Schüler ins Exil nach England schicken zu dürfen. Viele Eltern weigerten sich. Kurt Marxs Familie hatte jedoch beschlossen, in die USA auszuwandern, warteten allerdings noch auf die Ausstellung eines Visums. In der Hoffnung auf eine Familienzusammenführung nach der Emigration in die USA, schickten ihn seine Eltern nach England. Sie sagten ihm, wenn sie das Visum bekommen würden, würden sie ihn auf dem Weg nach Amerika abholen. Keiner der Schüler, deren Eltern eine Ausreise verboten, überlebte.

Marx besuchte in der Jawne-Schule die erste Klasse, in der Englisch unterrichtet wurde, weswegen er auch im ersten Zug nach London saß. Dieser Zug fuhr am 17. Januar 1939 und wurde begleitet vom Rabbi Dr. Rudolf Seligsohn. An Bord des Zuges waren ca. 30 Jungen und Mädchen. In London angekommen wurden sie zunächst im „Jawne-Hostel“ untergebracht. (Kindertransporte aus NRW. Ein Zeitzeugenprojekt: Die Geschichte der Kindertransporte: Die vier Jawne-Transporte. URL: http://www.kindertransporte-nrw.eu/kindertransporte_jawne_2.html, abgerufen im Oktober 2017.) Nachdem absehbar war, dass London bombardiert werden würde, wurden die Schüler nach Bedford evakuiert. Die Lehrer klopften an jedes Haus und fragten, wie viele Kinder sie aufnehmen möchten. Kurt Marx kam mit seinem besten Freund Hans zusammen in eine Gastfamilie. Mit 14 Jahren musste Kurt Marx die Schule in England verlassen und sich Arbeit suchen. Seine erste Arbeitsstelle in einer Fabrik verlor er noch am Tag seiner Einstellung. Der Chef teilte ihm mit, er sei als Deutscher ein Feind und müsse die Fabrik verlassen. Marx fand Anstellung in einer Diamantschleiferei und erlernte das Handwerk. Vor Kriegsausbruch schrieben sich Kurt Marx und seine Eltern reichlich Briefe. Nach Kriegsausbruch hörte Kurt Marx zunächst nichts mehr von seinen Eltern. Über so genannte „Rote-Kreuz-Post“ bekam er den letzten Brief und damit das letzte Lebenszeichen seiner Eltern, abgeschickt am 19. Juli 1942. Darin schrieben ihm seine Eltern, dass sie am nächsten umziehen werden zum Arbeiten, wohin wussten sie nicht. Der Zug vom Bahnhof Messe Köln-Deutz nach Minsk erreichte am 24. Juli 1942 um 5:45 Uhr morgens den Minsker Güterbahnhof. Die 1.164 Insassen wurden am selben Tag ermordet. Fest steht nur, dass es keine Überlebenden gab. Insgesamt saßen in dem Zug 15 Verwandte von Kurt Marx, darunter seine Eltern Sigmund und Irma. Er und sein Cousin, der das Rigaer Ghetto überlebte, waren die einzigen Überlebenden seiner Familie. Schulleiter Erich Klibansky konnte zwar ca.130 Kinder retten, seine eigene Familie jedoch nicht. Klibansky und seine Frau und Kinder befanden sich im selben Zug wie Marx’ Eltern.

Kurt Marx erzählte, dass seine Eltern, wie auch alle anderen deportierten Juden, die Zugreise nach Minsk und damit die Fahrt zu ihrer eigenen Hinrichtung selbst bezahlen mussten. Ein Zugticket kostete 50 RM, was damals sehr viel Geld war. Den Deportierten wurde gesagt, sie kämen in den Osten, um dort zu arbeiten, dieses haben die meisten wohl auch geglaubt, da es ihnen so glaubhaft übermittelt worden sei.

In der Zwischenzeit hatte Kurt Marx in der Diamantschleiferei das Handwerk erlernt und wurde schnell besser und besser. Er arbeitete sich hoch und wurde ein Experte im Kaufen von Rohdiamanten, sowie im Schleifen und Handeln. Nach einer Zeit eröffnete Kurt Marx seine eigene Diamantschleiferei.

Nach dem Krieg begann Kurt Marx in einem Verein Sport zu treiben. Mit ca. 22 Jahren lernte er dort seine spätere Frau, eine sehr gute Turnerin, kennen. Sie kam aus Hamburg, ebenfalls Jüdin und war drei Jahre in Auschwitz, während ihr Vater in Hamburg geblieben ist. Seine Frau wusste nie, was mit ihrem Vater geschah. 1945 emigrierte sie nach England.

1955 sprach ihn ein Freund an, der ebenfalls in der Diamantenbranche tätig war. Sie suchten jemanden, der für sie nach Afrika geht um Diamanten einzukaufen. Er konnte seine Frau überreden an die damals britische Kronkolonie „Goldküste“ zu gehen, dem heutigen Ghana. Zunächst wollte er nur für ein paar Monate dortbleiben, letztendlich wurden es sieben Jahre.

Kurt Marx hat einen Sohn, der in der Schule Geige lernte. Sein Lehrer war jedoch der Meinung, dass er eine neue bessere Geige bräuchte. Über einen Freund lernte er einen Geigenbauer kennen und war so fasziniert von dem Handwerk, dass er anfing Geigen bauen zu lernen. Mittlerweile baut er seit 25 Jahren als Hobby Violinen und hat sehr viel Freude daran.

Erst 1994 fand Kurt Marx durch das Buch „6:00 Uhr ab Messe Köln-Deutz“ von Dieter Corbach heraus, dass seine Eltern mit dem Deportationszug vom 20. Juli 1942 nach Trostenez deportiert wurden.

Vor einigen Jahren entdeckte Kurt Marx bei einem Besuch im Museum des KZ Neuengamme bei Hamburg, dass sein Schwiegervater ebenfalls nach Minsk deportiert wurde. Er befand sich an Bord des ersten Zuges von Hamburg ins Minsker „Sonderghetto“.

Kurt Marx lebt bis heute in London, seine Frau hielt es auf Grund ihrer Vergangenheit in Auschwitz nicht lange in Deutschland aus. Er nimmt an vielen Zeitzeugengesprächen teil, hat etliche Interviews gegeben und war bis heute mehrfach in Minsk.

Weitere Quellen: verschiedene Videoaufnahmen von Interviews mit Kurt Marx in Minsk, sowie das Buch „6:00 ab Messe Köln-Deutz“ von Dieter Corbach.

Erstellt von Dennis Rabeneick