Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Rosenthal Hermine

Rosenthal Hermine

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Kreis Sulingen
Beruf 
Schneiderin
Deportationsdatum 
1941 November 18
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Todesdatum und -umstände unbekannt. Am 8. Mai 1945 wurde sie in Bremen für tot erklärt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Leben vor dem Krieg

Hermine Cohn wurde im Jahr 1880 im Kreis Sulingen geboren. Die fertig ausgebildete Schneiderin heiratete 1911 für damalige Verhältnisse spät, einen um vieles älteren Mann, Hermann Rosenthal und zog zu ihm nach Bremerhaven. Der Ehemann Hermann Rosenthal wurde 1846 in der Nähe von Warschau geboren und führte einen kleinen handwerklichen Laden (Kürschnergeschäft) in Bremerhaven. Hermine Rosenthal ist seine zweite Ehe nach nur einem Jahr als Witwer. Einziges Kind aus der Ehe war der am 7. Mai 1917 im Bremerhaven zu Welt gekommene Sohn Helmuth. Die Familie Rosenthal stammte ursprünglich aus Osteuropa und zählte zur großen Gruppe von jüdischen Familien, die im 19. Jahrhundert in die Kreisstadt des Landkreises Wesermarsch in Niedersachsen immigrierten, um dort Geschäfte und kleine Läden zu eröffnen.

Im Jahr 1919 wurde Hermine Rosenthal offiziell zur Inhaberin des Kürschnergeschäfts. Ihr gelang es den Betrieb durch zahlreiche Krisen wie z.B die Weltwirtschaftskrise oder die schwierige Inflationszeit zu bringen. Neben der Arbeit war sie auch für die Erziehung ihres Sohnes verantwortlich. Die Beziehung zwischen ihnen beiden war eine sehr innige.

Im Jahr 1934 verstarb Hermann Rosenthal im Alter von 88 Jahren. Seitdem galt ihre ganze Aufmerksamkeit Sohn und Betrieb. Die nachfolgenden Entwicklungen im Land machten das Leben von Hermine Rosenthal erheblich schwieriger. In der Pogromnacht wurde ihr Sohn Helmut verhaftet und erst ins KZ Fühlsbüttel und dann nach Sachsenhausen gebracht. Erfreulicherweise wurde er im Januar 1939 entlassen und emigrierte anschließend nach England.

Mittels Briefwechsel blieben Sohn und Mutter weiter in Kontakt. In diesen Briefen schrieb Hermine Rosenthal, dass sie versuche Englisch zu lernen und auf eine Auswanderung nach England hoffe. Die Briefe erhielt Helmuth durch Verwandte und Freunde, später über die Schweiz und den USA. Im Jahr 1940 brach der Briefwechsel zwischen ihnen schlagartig ab, als ihr Sohn Helmuth mit 2000 anderen Personen auf einem umgebauten Militärtransportschiff, der DUNERA, nach Australien gebracht wurde. Hermine Rosenthal erhielt über ein halbes Jahr kein Lebenszeichen ihres Sohnes.

Im Sommer 1941 erhielt sie dann doch noch einen Brief ihres Sohnes aus Australien. Das war der letzte Kontakt zwischen den beiden.

Deportation

Am 17. November 1941 wurde Hermine Rosenthal mit anderen jüdischen Mitbewohnern aus Bremerhaven/Wesermünde festgenommen. Am Morgen des 18. Novembers wurden 570 Personen aus den Sammelunterkünften in Gruppen zum Lloydbahnhof gebracht. Alle Personen mussten davor eine regierungsfeindliche Erklärung unterschreiben, auf ihr Vermögen verzichten und ihre deutsche Staatsangehörigkeit aufgeben. Sie durften nur Habseligkeiten bis 50 kg und Handgepäck mitnehmen. Der Zug fuhr von Bremen über Hamburg bis nach Minsk. Am 22. November kam der Zug im Minsker Güterbahnhof an.

Minsker Ghetto

Insgesamt etwa 7.000 aus Mitteleuropa deportierte Juden kamen im November 1941 nach Minsk und wurden ins extra für sie eingerichtete so genannte Sonderghetto auf dem Gelände des Minsker Ghettos eingewiesen. Die Novemberdeportationen der Juden aus Mitteleuropa trugen zur Radikalisierung des Massenmordes im Minsker Ghetto bei: In der stark zerbombten Stadt war es kaum möglich, Tausende aus dem Deutschen Reich Deportierte unterzubringen. Um Platz für sie zu schaffen, erschossen Sipoeinheiten (Sicherheitspolizei) und Hilfspolizei, unterstützt von Angehörigen der Schutzpolizei und der Gendarmerie, zwischen dem 7. und 11. November 6.624 und am 20. November noch etwa 5.000 Menschen, darunter Frauen, Kinder und Greise in Tutschinka.

Die Bremener und Hamburger Juden wurden nicht unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet. Die Wetterbedingungen und die unzureichende Nahrungszufuhr, wie auch die medizinische Unterversorgung, führten anfangs zu vielen Todesfällen. Die absolute Mehrheit von den Deportierten wurde Ende Juli 1942 auf der Lichtung des Waldes Blagowschtschina erschossen oder mittels Gaswagen erstickt.

Wie es Hermine Rosenthal im Ghetto erging, ist leider nicht bekannt. Es ist auch nicht klar, ob sie im Ghetto starb oder zu den Opfern der Massenerschießungen ab Juli 1942 zählte. Am 8. Mai 1945 wurde sie in Bremen für tot erklärt.

Erstellt von Alexander Neureiter